Die Aussage des Enzweihinger Ortsvorstehers Matthias Siehler ist alarmierend. „Viele Leute sagen, dass sie sich hier nicht mehr wohl fühlen. Sie wollen wegziehen.“ Die Vaihinger Gemeinderatsfraktion der Freien Wähler lud am Dienstagabend zum zweiten Bürgerdialog nach Enzweihingen. Das Thema: Migration und Integration.

Von Uwe Bögel

Enzweihingen. Enzweihingen hat mit 22,8 Prozent den höchsten Ausländeranteil im Stadtgebiet von Vaihingen. In der Kernstadt sind es

21,3 Prozent. In der Enzweihinger Kornbergschule liegt der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei 50 Prozent. Dabei sind nicht die Flüchtlinge das Problem, „die wollen sich integrieren“, heißt es im Ort. Was das Fremdsein im eigenen Dorf ausmacht, ist der hohe Anteil von Osteuropäern, von Rumänen und Bulgaren, die vor allem die Ortsmitte okkupieren.

Auf der Fahrt durch die Enzweihinger Ortsmitte zum Kleintierzüchterheim, wo am Dienstagabend der Bürgerdialog stattfand, wird die Situation augenscheinlich. Auf dem Kirchplatz sitzen jede Menge Menschen mit Migrationshintergrund, der Brunnen ist belagert.

Ein Bürger klagt: „Diese vielen Leute an der Kirche, das ist nicht normal. Im Ortskern hält man es nicht mehr aus. Die nutzen unser System gnadenlos aus.“ Mit dem Bürgerdialog wollen die Freien Wähler vor Ort gehen, wollen die Bürger in die Kommunalpolitik einbinden. „Wenn wir wissen, wo der Schuh drückt, ist das fruchtbar“, sagte Eberhard Zucker, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler, die im Vaihinger Gemeinderat die meisten Sitze haben. Und in Enzweihingen drückt der Schuh gewaltig (die VKZ hat schon mehrfach berichtet): EU-Bürger aus Osteuropa lassen selbst jene an Wegzug denken, die selbst einen Migrationshintergrund haben. Es fehlt die Bereitschaft, sich unseren Wertvorstellungen anzupassen, formuliert es Ortsvorsteher Matthias Siehler, selbst Freie Wähler-Stadtrat. „Es gibt das Gefühl, sich in seiner geliebten Heimat nicht mehr wohlzufühlen.“ In die Bürgersprechstunde kommen Menschen mit türkischen Wurzeln, die sagen, dass sich die Osteuropäer an die Regeln halten müssten.

Das höchste Ziel sei nun, ein friedliches und entspanntes Miteinander.

Es war ein reger Dialog, der sich am Dienstagabend im Kleintierzüchterheim entwickelte. Beklagt wurde, dass es viel zu wenig Sanktionen gebe. „Diese Leute kennen keine Regeln.“ Ein Rechtsanwalt sprach von der „Erosion des Rechts“ im Land. Schon vor zehn, 20 Jahren sei damit begonnen worden, die Polizei abzubauen, die Staatsanwaltschaften und die Gerichte auszuhungern. Ein anderer Bürger sprach von einem „Rechtssystem ohne Zähne“. Ortschaftsrat Dr. Arnold Schwarz sprach von Strukturen, die Sprengkraft haben. Es sei viel versäumt worden, weil es aus wirtschaftlichen Gründen gut gelaufen ist. Jetzt werde wieder versucht, die Dichte der Einwohner im Ortskern aufzulockern. Ortschaftsrat Volker Blessing betonte, dass man schon seit vielen Monaten versuche, „wieder Ordnung ins Dorf reinzubringen“.

Man sei im Kontakt mit dem OB, der Polizei, dem Ordnungsamt, aber die rechtlichen Möglichkeiten seien nun einmal begrenzt. Blessings aktuelle Einschätzung: „Die Lage verbessert sich nicht, sie verschlimmert sich noch eher.“ Eberhard Zucker könnte sich vorstellen, dass die Fraktion sich für zusätzliches Personal bei der offenen Jugendarbeit starkmacht. Bei der evangelischen Kirchengemeinde gibt es Überlegungen, ein Familienzentrum auf den Weg zu bringen. Allerdings könne die Finanzierung einer Fachkraft, die die Familien zu Hause besuche, nicht alleine gestemmt werden. Und Ortsvorsteher Siehler: Diese Menschen dürfen sich auf dem Kirchplatz aufhalten. „Vielleicht müssen wir uns an dieses Bild ein stückweit gewöhnen und es nicht gleich als Bedrohung erkennen.“ Dass Integration gut gelingen kann, dafür steht Kamil Korkis. Er ist für die Freien Wähler im Ortschaftsrat Enzweihingen und berichtete am Dienstagabend über seinen Werdegang. Korkis, 1957 in Syrien geboren, kam 1986 nach Deutschland. Eigentlich wollte er nur seine Verwandte besuchen, aber dann hat er seine Frau Nicmi aus Ditzingen kennengerlernt. Heimat oder Liebe, er musste sich entscheiden. Es fiel Kamil Korkis nicht leicht, seine Heimat zu verlassen. Er war als Gedichteschreiber und Maler unter dem Künstlernamen Nano weit bekannt.

1992 machte er sich mit dem Lebensmittelgeschäft in der Vaihinger Straße in Enzweihingen selbstständig. „Wenn man sich integrieren will, muss man sich öffnen“, sagt er. 1995 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft – „voller Stolz“, wie er sagt. Und ohne Ehrlichkeit gelinge eine Integration auch nicht. Wenn Kamil Korkis jetzt jemanden trifft, der fragt, wo es bei der Kirche Geld gibt, dann sagt er: „Zur Moschee gehen, um zu beten, und zur Kirche zu gehen, um zu betteln, das geht nicht.“

Quelle Bericht: Vaihinger Kreiszeitung, Uwe Bögel

 

Quelle Bilder: Philipp Pfisterer


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